LodlanD

[LodlanD] Intermezzo: Die Geschichte des Frank H.

Ausweisung

In großen flammenden Buchstaben war das Wort an die Decke der kleinen Rettungskapsel geschrieben, und loderte gespenstig gegen die flackernde Notbeleuchtung an. Im perfekten System des Bundes Freier Städte gab es keine Kriminalität, oder zumindest fast keine. Wenn doch mal jemand zu sehr über die Stränge schlagen sollte reichte meist eine saftige Geldstrafe, mehrtägiger Nahrungsentzug oder ein Kurzurlaub nach „Fort Sonnenschein“ wie die Strafvollzugsanstalt in einer abgelegenen Kuppel südlich von Las Mares gerne von Ausländern zynisch betitelt wird, denn niemand kehrt von dort als derjenige zurück der er einmal war. Von barbarischen Praktiken wie der Todesstrafe hatte man schon lange Abstand genommen. Schlimmstenfalls drohte einem die lebenslange Ausweisung aus dem Bund, dessen Kosten man natürlich selbst zu tragen hatte. Allerdings werden nur härteste Straftaten mit dieser Maßnahme geahndet, wenn man nicht gerade ein öffentliches Exempel statuieren musste. Frank Henke war ein solches Exempel.

Normalerweise werden politische Unruhestifter nur verächtlich belächelt oder sanft von der Staatspolizei mit dem Schockstab wieder auf die rechte Bahn gerückt, doch Franks Fall war da um einiges problematischer: Ihm wurde zugehört.

Schon seit seiner Kindheit besaß er das äußerst unproduktive Talent des kreativen Schreibens, und als Spross einer Diplomatenfamilie auch das seltene Privileg den BFS verlassen und andere Territorien des Rats der Länder sehen zu können. Dies führte unvermeidlich auch zu einem Ausflug nach Arbiträa, dem „Paradies für Anarchisten und ähnlich wertloses Gesindel“, wie die Tageszeitung gerne über das kleine Land euphemisierte.

Frank war von der Tatsache, dass es tatsächlich noch andere Formen des Zusammenlebens außerhalb des BFS gab so überwältigt, dass er über Nacht zu einem glühenden Verfechter der sogenannten arbiträischen Freiheit wurde. Schon bald kursierten einfallsreich verfasste Pamphlete durch die städtischen Kuppeln, die zum Blick über den Tellerrand luden und schon bald allgemeiner Gesprächsstoff waren. Frank führte politische Debatten in kleinen abgelegenen Clubs, die sonst von jedem anständigen Städter gemieden wurden, und scharte in kurzer Zeit eine kleine Schar pseudointellektueller Hörer um sich. Eigentlich war er nur ein kleiner Fisch, doch der GeSiDi brauchte etwas pressewirksames um den zunehmend negativen Umfrageergebnissen über die Zufriedenheit mit der Regierung entgegenzuwirken.

Frank wurde während einer seiner leidenschaftlichen Auftritte kurzerhand inhaftiert und in einem lächerlich überzogenen Schauprozess als Gefährdung der nationalen Sicherheit bezeichnet, um all den möchtegern Revoluzzern mal zu zeigen wo im BFS der Mottek hängt. Kurzum, Frank wurde ausgewiesen, und mangels Eigenkapital ging man ihm bei der Abreise mit der üblichen Prozedur zu Hand: Mit einem Koffer voller Habseligkeiten, Trinkwasser und Proviant für eine Woche in eine Rettungskapsel gestopft und vom nächsten freien Versorger an der Grenze ausgesetzt. Es wird sich schon irgendein Ausländer finden der das Rettungssignal bemerkt...

Dieser Werdegang ging Frank jetzt schon zum hundertstenmal durch den Kopf während er den Buchstaben beim flackern zusah. Ein kurzer Blick auf sein Injektorband verriet ihm, dass sich die Gesamte Restdosis seines bevorzugten Rauschmittels nun in seinem Blutkreislauf befand, doch dafür war der letzte große Kick enttäuschend ereignisarm. Mit Ausnahme der brennenden Lettern nahm er den Rest seines kleinen Domizils erschreckend klar und nüchtern wahr: Die leeren Plastikverpackungen der aufgezehrten Nahrung und der Wasserkanister, von seinen Fingernägeln in einen unförmigen Haufen zerfetzt, um ihm auch den letzten Rest Flüssigkeit zu entreißen. Darüber hinaus noch der über den Boden der Kapsel verteilte Inhalt seines Reisekoffers, hauptsächlich bestehend aus kostbarem Papier, dass mittlerweile mit all dem bedeutungsvoll philosophischem Nonsens vollgekritzelt war, welcher ein sterbender Mensch nun mal so von sich gibt wenn er der Welt noch etwas zu sagen hat, und glaubt sie höre tatsächlich zu.

Dann saß da noch Karola Kuh neben ihm, und muhte bescheiden vor sich hin.

Die lebensgroße knallbunte Zeichentrickkuh war das Maskottchen des Chemiekonzerns TransChem, hatte ihre eigene Samstag Nachmittagssendung und brachte den Kindern des BFS den korrekten und verantwortungsvollen (das heißt außerhalb der Arbeitszeiten) gebrauch diverser Drogen zur „Alltagsoptimierung“ bei. Nach einigem Hin und her entschied sich Frank dann doch dazu die Anwesenheit der Kuh als seltsam einzustufen, insbesondere da sie doch eigentlich gerade auf Sendung sein müsste. Hatte sie extra einen ihrer höchstwichtigen Termine abgesagt um ihm, dem Unruhestifter der Nation, etwas vorzumuhen? Frank erwiderte den Blick der Kuh energisch von seinem kleinen Nest aus, dass er sich aus T-Shirts seiner Lieblingsfarbe gebaut hatte, um wenigstens gemütlich aus der Welt zu scheiden. Es folgten endlose Minuten des Starrens. Dann plötzlich sprach die Kuh mit rauchiger Stimme: „Nach uns die Sintflut ist der Wahlspruch jedes Kapitalisten und jeder Kapitalistennation.“

Stille.

Dann plötzlich durchfuhr es Frank wie ein Blitzschlag, seine kraftlosen Beine katapultierten ihn in Richtung seines Koffers, aus dem er ein womöglich Jahrtausende altes Buch zum Vorschein brachte. Es war aus echtem Papier, nicht diesem neumodischen Bambusschnickschnack. Es stand zuvor eine Ewigkeit in der Bibliothek seiner Eltern, welche fanden das man mit teuren Büchern im Regal intellektuell wirkte. Frank hatte es irgendwann einmal durchgeblättert, und seine rudimentären Kenntnisse antiker Sprachen verrieten ihm, dass es von einem Gleichgesinnten verfasst war. Endlose Stunden hatte er mit dem Übersetzen der alten Schrift zugebracht, und nun verriet ihm ausgerechnet eine drogenrauschinduzierte Zeichentrickkuh die Bedeutung des Satzes, an dessen Entschlüsselung er bisher so kläglich gescheitert war. Dies war die Offenbarung. Dieser Satz würde den BFS umstoßen und dem unterdrückten Volk unendliche Weiten geistiger Freiheit eröffnen. Wenn er nur wüsste was zum Pottwal denn eine Sintflut ist...

Seine rasenden Gedanken wurden jäh von einem unaufdringlichen Fiepen an den Schottkontrollen unterbrochen, die vermerkten das der letzte Rest Sauerstoff soeben veratmet wurde. Nun würde also endlich das Sterben beginnen, und seine großartigen Erkenntnisse für immer ungehört bleiben.

Eingeschlossen in einer eiförmigen Stahlkapsel, knapp 400 Meter unter dem Meeresspiegel treibend, begann der Bürger Nummer 72483 alias Frank Henke laut schallend zu lachen...

2 Kommentare 28.11.07 17:48, kommentieren

[LodlanD] Kapitel 1 Einleitung

 Musik: Yoko Kanno - Born Stubborn

Der Innenlautsprecher gab ein statisches Knacken von sich, und eine Computerstimme ertönte, deren Laszivität den Grad der Peinlichkeit schon bei weitem überschritten hatte: „Unheimlich große Bodenwelle drei Kilometer voraus, mein Hengst.“

„Die beste Anschaffung meines Lebens.“

Luc ließ sich tiefer in den Pilotensitz sinken, schwang die Beine über die Hauptsteuerkonsole seines kleinen Bootes, und öffnete zischend eine neue Dose Bier. Noch knapp eine Stunde fahrt und diese Odyssee der Langeweile hatte endlich ein Ende. Er ließ seinen Blick über das verkrümelte Armaturenbrett hinüber zur Cockpitscheibe wandern, und starrte gleichmütig in das tiefe Blau des Meeres. In dreihundert Metern tiefe konnten jedoch selbst die stärksten Scheinwerfer nur einen begrenzten Sichtradius schaffen, sodass gelegentlich vorbeizischende Fische oder entfernte Schatten von Riffen die einzige, recht unspektakuläre, optische Abwechslung stellten. Irgendwo knapp einen halben Kilometer weiter Backbord von seiner Position, wie ihm der steig pingende Sonar verriet, entfernt dümpelte auch der Frachter aus dem Bund Freier Städte herum, zu dessen Geleitschutz er sich verpflichtet hatte. Ein kleiner Freihändler wie jener konnte sich keinen Platz in den großen und schwerbewachten Karawanen, die von der Handelsmetropole Lod ausgingen leisten, und griff bei Fahrten durch unsichere Gewässer gern auf die um einiges günstigeren Dienste freischaffender Unternehmer wie Luc zurück. Dabei stellte sich die Frage was nun lächerlicher war, die Abschreckungskraft der winzigen M1 Torpedorohre an Bord von Lucs kleinem Schiff, oder die Vorstellung einer bis an die zähne bewaffneten Piratenbande, die ihren Hals riskieren um einen Frachter mit zwanzig Tonnen Glutamat an Bord zu kapern. Ihm konnte es ja auch recht egal sein, der Auftrag war ein Spaziergang und die Bezahlung reichte immerhin, um nach den anfallenden Treibstoffkosten ein wenig Gewinn abzuwerfen. Außerdem verfügte die Epée de la Mer, wie Luc die alte Déesse Klasse arbiträischer Bauart getauft hatte, neben ihrer Bewaffnung noch über einen kleinen Passagier- und Frachtraum, mit denen sich auf derselben Route noch der ein oder andere Nebenverdienst tätigen ließ. Einer dieser Verdienste machte sich soeben bemerkbar, als das Fiepsen der Mikrowelle aus dem hinteren Schiffsteil tönte. Einige schlurfende Schritte erklangen dann, gefolgt von einem stetigen, eher halbherzigem schlürfen. Sein Fahrgast war wirklich nicht von der gesprächigen Sorte. Kurz vor seiner Abreise aus Lod trat der Kerl, ein recht komischer Kauz von hagerer Gestalt mit zerzausten Haaren, an den Andockplatz von Lucs Schiff, drückte ihm ein Bündel Scheine im Wert von 5.000 Lex in die Hand mit den Worten: „Bringen sie mich an die Grenze zum BFS, und keine weiteren Fragen“. Bei einem solch großzügigen Obolus hatte der freischaffende Piratenjäger gewiss keine Einwände. Eben dieser Kauz verzehrte gerade eine Instant Muschelsuppe Marke „Gut &Günstig“, denn für Lucs Passagiere nur das beste, und hatte ansonsten während der mittlerweile achtzehn Stunden andauernden Fahrt keinen weiteren Ton von sich gegeben. Was auch immer der Typ im Bund Fröhlicher Sklaven, wie der BFS gerne im freiheitsliebenden Arbiträa genannt wurde, zu schaffen hatte, seine großzügige Spende an Gardien Entreprises würde schon einem guten Zweck zugeführt werden. Damit ließ Luc seinen Blick zu einer Autogrammkarte von Sandra Bechmer schweifen, die zwischen einer Verstrebung des Cockpitfensters klemmte. Die blonde zwanzigjährige war Spitzenpilotin von Nova Curra, einem Paix Rennstall der sich aufgrund mangelnder Großerfolge nur einer kleinen Fangemeinde erfreute. Doch für Luc konnte nichts „undergroundig“, wie die Scientianer es nannten, genug sein, und ganz davon abgesehen war die Rennfahrerin ein echt heißer Aal. Mit dem neu verdienten Geld wäre sicherlich ein Ticket für das große 24 Stunden Rennen von Port Principal drin, und vielleicht sogar genug für eine dieser neuen Pillen aus Scientia, die dafür sorgten das man während der gesamten 24 Stunden an Spaß und Feiern, aber gewiss nicht an Erschöpfung und Müdigkeit dachte. Vielleicht könne man die adrette Paix Fahrerin nach dem Rennen sogar auf einen...

„Ist es normal das dieses Teil schon seit ’ner Minute piept?“

 Luc schreckte aus seinen Gedanken auf, als er urplötzlich die kratzige Stimme seines Fahrgastes hinter sich vernahm. Dann hörte auch er das schrille Piepen des Kollisionsalarms, er musste es in seiner Tagträumerei vollkommen verdrängt haben. Doch warum Kollisionsalarm? Richtig! Die Bodenwelle vor der ihn der Bordcomputer gewarnt hatte. Vielleicht sollte er das nächste mal auch auf die Aussage dessen achten, was die für teures Geld modifizierte Stimme des Navigationssystem jedes Mal aus den Lautsprechern stöhnte. Luc packte hastig an die Kontrollen für die Tauchzellen, um das Schiff steigen zu lassen, doch gerade als der Höhenanzeiger langsam zu klettern begann wurden seine Ohren vom kreischen der am Gestein schrammenden Außenhülle betäubt...

6 Kommentare 30.7.07 17:42, kommentieren

[LodlanD] Handout Artwork Beispiel


Ich habe echt Spaß am rumprobieren mit Tribal Zeugs bekommen, deshalb hier ein kleines Bild das seinen Platz auf einem kommenden Handout finden wird.

4 Kommentare 22.7.07 21:32, kommentieren

[LodlandD] Die Épée de la Mer



Kleines Geschenk für Holger zum Dank für die stetige Rumfahrerei. Hat Spaß gemacht mit Tribal Art rumzuhantieren, auch wenn mich der Rabenkopf fast zum verzweifeln gebracht hat.

 

Der freischaffende arbiträische Piratenjäger Luc Gardien kaufte die altgediente Déesse Klasse für gerade einmal 290.000 Lex auf dem Gebrauchschiffsmarkt in Cadenas. In mühevoller Kleinarbeit restaurierte und modifizierte er das Flaggschiff seines kleinen Unternehmens, um sich gegen die Renegaten der Gewässer rund um Lod behaupten zu können.

Der Rumpf wurde verstärkt und zusätzlich gepanzert, weshalb die typischen seitlichen Bullaugen der Déesse entfernt werden mussten. Das Schiff ist nun deutlich zäher gegenüber direkten Angriffen, neigt jedoch dazu etwas durchs Wasser zu "eiern", weshalb Piloten mit wenig Erfahrung ihre Probleme mit dem Steuerverhalten der Épée haben. Außerdem liegt die Zahl der Fälle akuter Seekrankheit bei Passagieren an Bord deutlich über dem Durchschnitt. Das herausragendste Merkmal sind die nebeneinander liegenden Zwillingsantriebswellen, welche das Schiff sogar einer Féroce davonfahren lassen. Um den nötigen Platz für ein zweites Getriebe zu schaffen, wurde die Passagier- und Personenzuladung deutlich reduziert. Dies stellt jedoch nur ein kleiner Manko da, denn schließlich sieht Capitaine Gardien den Passagiertransport eher als einen notwendigen Nebenverdienst, und wer gerne mehr Komfort hätte kann ja eine Passage bei LodWaters buchen, allerdings stellen die auch bedeutend mehr Fragen...

2 Kommentare 20.7.07 20:18, kommentieren

[LodlanD] Prolog

Wer an meiner letzten Shadowrun Kampagne teilgenommen hat wird diese Art Einleitungstext schon kennen, und wissen das sich seine Bedeutung erst viel später in der Handlung erschließt.

Viel Spaß beim lesen!

 

Musik: The Kronos Quartett - Summer Overture

 

Ein kleines Zimmer, von einer blauen Halogenröhre nur schwach beleuchtet, und für den Beobachter in gespenstische Stille getaucht.

Eine Junge Frau sitzt vorgebeugt auf einem Bett an der rückwärtigen Wand des Raumes, die Hände im Schoß fest ineinandergefaltet. Sie ist kaum älter als Mitte Zwanzig. Die offenen blonden Haare hängen ihr über Schulter und Gesicht, die Augen ausdruckslos und leer, doch lassen Tränenspuren den Eindruck täuschen. Nur in Unterwäsche gekleidet sitzt sie dort, spricht scheinbar leise und beherrscht vor sich hin, doch ihre Stimme erreicht uns nicht.

Erst jetzt erkennt man, dass ihre Worte nicht an sie selbst gerichtet sind. Ein Mann steht an der anderen Seite des Raumes. Nur im Blick von hinten, über seine Schulter hinweg, können wir seine Gestalt einigermaßen ausmachen. Groß und hager, leicht gebeugt, doch keineswegs gebrochen. Er selbst scheint nicht zu sprechen, lediglich ein stiller Zuhörer.

Ein passiver Beobachter, losgelöst vom eigentlichen Geschehen wie wir Zuseher selbst.

Doch plötzlich hält die Frau in ihrem Monolog inne, fixiert den Mann mit einem Blick, ohne sonst eine Bewegung zu vollführen, wissend, begreifend.

Die Szene wechselt, offenbar einen kleinen Sprung in die Zukunft. Wir sehen die Frau auf dem Bett liegen, die Tränen getrocknet, der Blick unverändert. Doch der Körper ist leblos, ihr Atem steht still. Keine Hand wurde an sie gelegt, nichts deutet auf eine Verletzung hin.

Der Mann steht an der Tür, greift in die Garderobe und streift sich einen langen, hellgrauen Mantel über die Schultern. Wortlos verlässt er die Szenerie, und das knallen der Wohnungstür ist der erste Laut den wir vernehmen, ohrenbetäubend, unerträglich.

 

 

1 Kommentar 20.7.07 12:57, kommentieren